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Kinder Geschichten

Komm bald wieder, kleiner Drache

Heute wird Henry zum ersten Mal ein Kindergartenkind sein. So wie Raul und Kiki. Mama hat ihm eine Kindergartentasche gekauft, mit Drachen darauf. Denn Henry kommt in die Drachengruppe. Er will auch in die Drachengruppe. Viel lieber als in die Bärengruppe oder in die Räuberhöhle. Denn Drachen sind am gefährlichsten. Sie spucken Feuer und können sogar fliegen, wie Batman.
Wenn es eine Monstergruppe geben würde, würde Henry natürlich in die Monstergruppe gehen. Aber es gibt ja keine. Macht nichts.
Als Henry im Kindergarten ankommt, nimmt ihn die Kindergärtnerin gleich an die Hand. Sie sieht überhaupt nicht aus wie ein Drache oder sonst was Gefährliches. Eher wie eine Prinzessin. Sie spricht freundlich und hat goldene Locken.
Da ist ja noch eine Kindergärtnerin! Sie sitzt auf dem Boden und spielt schon. Ihre Haare sind so lang wie die Haare von Rapunzel.
Henry hat sein kleines Holzschwert mitgebracht. Für den Drachen. Er weiß ja noch nicht, ob der Drache böse oder lieb ist. Die anderen Kinder scheinen keine Angst vor dem Drachen zu haben. Ein paar sitzen auf dem Bauteppich, ein paar spielen Vater, Mutter, Kind. Und ein paar andere toben durch den Flur. Vielleicht ist der Drache heute gar nicht zu Hause, denkt Henry. Vielleicht musste er kurz mal ins Märchenland. Bestimmt ist er ins Märchenland geflogen. Schade.
Henry setzt sich auf die Kuschelcouch. Sein Schwert legt er neben sich. Kein Drache weit und breit.
Das findet Henry gar nicht gut. Gerade heute, wo er zum ersten mal in den Kindergarten geht, ist der Drache nicht zu Hause.
Zuerst ist Henry ein bisschen wütend. Dann merkt er, wie er traurig wird. So traurig, dass die Tränen kommen. Und die Kindergärtnerin mit den Rapunzelhaaren kommt auch. Sie legt tröstend ihren Arm um ihn und fischt ein Taschentuch aus ihrer Jacke. Erst tupft sie die Tränen von seinem Gesicht, dann holt sie ein großes Tierbuch.
„Deine Mama hat mir erzählt, dass du auch ein Tierbuch hast“, sagt sie. „Und wo ist der Drache?“ fragt Henry. „Hat der Drache vergessen, dass ich heute komme?“
„Drachen gibt’s doch gar nicht!“ ruft ein großes Mädchen, das gerade vorbeiläuft.
Die Kindergärtnerin mit den Rapunzelhaaren klappt das Tierbuch wieder zu und geht mit Henry zum Fenster.

„Schau mal“, sagt sie, „da in der großen Kastanie, da wohnt der Drache.“
„Wo?“ fragt Henry. Er guckt und guckt und guckt. Aber er kann den Drachen nicht entdecken.
„Er versteckt sich immer“, sagt die Kindergärtnerin. „Er ist nämlich ganz klein und ängstlich. Er kommt fast nie raus aus dem Versteck. Und wenn, dann nur ganz kurz. Ein Husch, und weg ist er wieder.“
Jetzt will Henry nach draußen. Er will zur Kastanie, den Drachen suchen. Endlich ist es soweit. Alle ziehen die Schuhe an und dürfen raus. Die Kindergärtnerin mit den goldenen Locken nimmt Henry an die Hand. Sie zeigt ihm den Sandkasten und den Abstellraum mit dem Sandspielzeug. Aber Henry will keinen Sandkuchen backen und auch nicht buddeln. Jetzt nicht. Er muss erst den Drachen suchen.
Unter der Kastanie liegen Blätter und kleine Holzstückchen. Henry guckt hoch in die Baumkrone. Dunkel und dicht ist die, nicht ein Stück vom Himmel ist zu sehen. Er wartet und wartet, bis ihm der Hals weh tut vom Hochgucken. Wer auf den Drachen wartet, muss viel Zeit mitbringen. Henry hört nicht, dass die Kinder nach ihm rufen. Er hört nicht, wie sie klappern und lärmen beim Aufräumen. Und auch nicht, wie sie singen. Nur das Rascheln, das hört er. Ein leises Rascheln, das lauter wird, noch lauter. Und schon ist etwas weggeraschelt. Wippt da nicht ein Ast hin und her? Und da! Die kleine rote Flamme! Wie sie durch die Blätter zuckt! Schnell wie eine Schlangenzunge.
Henry hält noch immer sein Holzschwert in der Hand. Sein Hals tut weh und sein Nacken auch.
Aber der Drache war da, der kleine Drache aus dem Kastanienbaum. Und er wird wiederkommen. Ganz bestimmt. Und Henry wird auch wiederkommen.
Mit einer Hosentasche voll Drachenfutter.

erschienen in „Willkommen im Kindergarten“ von Ulrike Kaup
aus: „Das große Vorlesebuch für Kindergartenkinder“ von Hans Gärtner. (c)by Edition Bücherbär im Arena Verlag, Würzburg 1996.